Gedanken zur Zuchtsaison 2015

Artikel vom Zuchtleiter Wilken Treu und dem stellvertretenden Vorsitzenden Dr. Lutz Ahlswede (Reiter & Pferde, März 2015)

Was treibt uns an, was bringt die Zukunft? Zu Beginn jeder Zuchtsaison stellt sich die Züchterschaft diese wichtige Frage - und genauso auch die Verbandsführung. Für einen Ausblick ist immer auch eine kurze Rückschau notwendig, um mögliche Szenarien in den historischen Kontext stellen zu können.

So waren die 70er bis Mitte der 90er Jahre in den deutschen Hochzuchtgebieten der Pferdezucht gekennzeichnet von einem quantitativen Aufschwung, welcher das Fundament der jetzigen Zucht bildet. Es herrschte eine große Pferdenachfrage, insbesondere auch auf dem Fohlenmarkt. Dieser Zeit des quantitativen Aufbruchs folgte ein Abschwung, der immer wieder mit kurzen Höhen und Tiefen durchsetzt war. Die Entwicklung rund um die Pferdezucht in der jüngsten Vergangenheit ist mithin bekannt – die Züchter des Westfälischen Pferdestammbuchs sowie vergleichbarer Pferdezuchtverbände haben innerhalb des oben angesprochenen Zeitraums die Bedeckungen um über 35 % eingeschränkt. Für den Vergleich der Jahre 2013 und 2014 lautet hingegen beim Westfälischen Pferdestammbuch das erfreuliche Zwischenfazit: der Abwärtstrend wurde unterbrochen. Als Entwarnung darf dieses jedoch noch nicht gewertet werden.

Pferdezucht vor Neubeginn

Allerdings ist an der Zeit, einige Aspekte – besonders die  der Reitpferdezucht – neu zu beleuchten. Dies bedeutet ein Umdenken im Westfälischen Pferdestammbuch zu initiieren und voranzutreiben. Im Vordergrund steht dabei ein konstruktives Miteinander mit und innerhalb der Züchterschaft. Weiterhin müssen die Rahmenbedingungen der Vermarktung überdacht werden.

Seit Jahren wird in Westfalen die verstärkte Spezialisierung der Zucht auf die Disziplinen deutlich, nämlich immer dann, wenn offensichtlich des Züchters Ziel der gehobene Leistungssport ist. Zusätzlich gilt für einen großen Teil der Mitgliedszüchter hingegen das Zuchtziel, ein Pferd für sämtliche Reitsportbereiche zu liefern. Stets werden von den Pferden Eigenschaften wie Charakter, Umgänglichkeit, Adel, Körperkorrektheit, Rittigkeit bzw. Ausbildungseignung für den jeweiligen Anspruch gefordert. Ein Vorteil des Westfälischen Pferdestammbuchs liegt darin, dass einerseits ein breites Rassespektrum aus 31 Pferderassen und andererseits eine breite Stutenbasis innerhalb der Populationen geeignete Ansatzpunkte für sämtliche Anforderungen des Pferdemarktes bietet. Die Gesamtheit der Westfälischen Züchter ist somit offen für das weite Spektrum der Pferde-Nutzungsmöglichkeiten. Von Verbandsseite gilt es nun, dies vermehrt zu erkennen und zu fördern.

Die bestehenden Selektionsmöglichkeiten über Stuten- und Fohlenschauen, Körveranstaltungen und Leistungsprüfungen unterliegen ebenfalls einer kritischen Begutachtung, um weiterhin deren traditionell wertvollen Aussagewert durch zusätzliche Methoden zu stärken.

Sowohl die ehrenamtlichen als auch die hauptamtlichen Funktionsträger haben in vielen Gesprächen mit teils besorgten Mitgliedern erkannt, dass man nach den langen Jahren des Abschwungs in der Pferdezucht (der aktuelle Trend stellt sich je Rasse unterschiedlich dar) vor einem deutlichen Neubeginn steht. Bereits jetzt zeigt sich diese neue Zeit der Pferdezucht vorrangig geprägt von der Ausrichtung des Marktes, nämlich auf die Qualität der gezüchteten, aufgezüchteten und ausgebildeten Pferde. Daher müssen das Westfälische Pferdestammbuch mit seinen Selektionsentscheidungen und der Westfälische Züchter mit seinen Anpaarungen in eine engere, konstruktivere Zusammenarbeit kommen.

Lineare Beschreibung

Beispiele neueren Datums werden erkennbar durch die Berücksichtigung sportähnlicher Leistungen von Hengsten in der HLP, die sich auch dazu eignen, vom Züchter verfolgt zu werden, weil sich die Hengste im erkennbaren Vergleich darzustellen (ein Bericht zur HLP folgt in „Reiter&Pferde“). Unter Beteiligung Westfalens wurde diese grundsätzliche HLP-Änderung in die FN-Gemeinschaft eingebracht, nun sollten entsprechende Vorteile auch von Züchtern und Hengsthaltern genutzt werden.

Ein weiteres Beispiel wird der Einstieg des Westfälischen Pferdestammbuchs in die „Lineare Beschreibung“ für die Nachzuchtbewertung von Hengsten bzw. Stutenfamilien sein. Auch zu dieser Neuerung wird es einen ergänzenden Bericht in „Reiter&Pferde“ geben. Vorweggenommen sei aber, dass die Sicherheit der Aussagekraft dieses Systems insbesondere von der Anzahl präsentierter Fohlen/Pferde abhängt.

Einer der Hauptgründe für den zurückliegenden Bedeckungsabschwung liegt darin, dass Pferde vor bzw. im verkaufsfähigen Alter tierärztlichen Kaufuntersuchungen unterliegen, wodurch ein hoher Prozentsatz ausselektiert wird. Die Pferde genügen den breiten Anforderungen des Marktes offensichtlich nicht und belasten letztlich den Züchter. Die Ansprüche der Käufer, das Kaufrecht und Versicherungsbedingungen verschärfen weiterhin diese Situation. Doch schon heute signalisieren die zahlenmäßig kleineren Pferdejahrgänge sowie gesundheitsbedingte Ausfälle von Pferden und ein teils mangelnder Ausbildungsstand, dass eine Knappheit vermarktungsfähiger Pferde einsetzt. Diese Situation wird sich in den kommenden Jahren eher verschärfen. Denn anders als in früheren Jahrzehnten bedarf der Gesamtpferdemarkt schon jetzt eine größere Anzahl an Pferden mit den eingangs genannten, zuchtzielkonformen, positiven Attributen, als die derzeitige Gesamtheit der Züchter zur Verfügung stellen kann.

Der beschriebene Ausblick darf absolut nicht zu einem Anstieg der Quantität á la „Lasst decken, Leute“ führen. Vielmehr gilt es für das Westfälische Pferdestammbuch und seine Züchter, die Produktion mängelbehafteter Pferde in den Kriterien Gesundheit, Charakter, Umgänglichkeit und Rittigkeit kritisch zu bewerten. Das Individuum sowie Stutenfamilien und Hengstnachkommen können und müssen zukünftig über die vorgenannte lineare Beschreibung und später auch mithilfe einer Gesundheitsdatenbank (hierzu folgt ebenfalls ein Bericht in „Reiter&Pferde“) in ihren Lebensabschnitten begleitet werden. Das wird uns eine tatsächliche Bewertung von Mängeln in Selektion, Haltung, Knowhow und Ausbildung ermöglichen – dieses wird ein langer Weg.

Gesundheit als Zuchtziel

Wagt man eine kleine Prognose für die Zukunft, so wird der Markt weiterhin Pferde mit den o.g. positiven Eigenschaften verlangen. Auf die fehlende Quantität könnte natürlich auch ausschließlich mit steigenden Bedeckungszahlen reagiert werden, langfristig betrachtet muss diese Vorstellung aber abgelehnt werden. Denn das voranzutreibende Ziel muss aus ethischer und betriebswirtschaftlicher Sicht entwickelt werden. Die in Punkto Gesundheit und Rittigkeit/Umgänglichkeit mängelbehaftete Quote, die zu einem „Ausfall vom Markt“ führt, muss stufenweise in einem längerfristigen Prozess unbedingt gesenkt werden. Außer der weiterhin wichtigen Attraktivität (inkl. Leistungskriterien) einer Anpaarungsentscheidung rücken also ergänzend Charakter, Rittigkeit, Korrektheit (Fundament, Hufe) und Gesundheit in den Fokus.

Aus gesundheitlicher Sicht liegen die Schwerpunkte vieler Unzulänglichkeiten leider besonders in den verschiedenen Stadien der Haltung, vorzugsweise der Aufzucht. Das Westfälische Pferdestammbuch hat diese Situation erkannt und nimmt diese sehr ernst. Es wird derzeit an einem umfassenden Konzept gearbeitet, um zu diesem Komplex anhand eines leicht verständlichen Leitfadens sowie über praktische Vortragsveranstaltungen die Mitgliedszüchter aufzuklären und ihnen zu einer deutlichen Senkung dieser Quoten zu verhelfen.

Die Zukunft der Pferdezucht muss in erster Linie in einer Absenkung durch die o.g. qualitätsmindernden Kriterien liegen. Dieses Ziel wird als vorrangig angesehen mit der klaren Erkenntnis, dass es parallel eines langfristigen Prozesses des Erkenntnisgewinns bedarf. Daher wird das Westfälische Pferdestammbuch zunächst durch regionale Aktivitäten und auch durch die Beteiligung/Aufklärung der Züchter bezüglich der durch die FN gegründeten Gesundheitsdatenbank Vorarbeit leisten müssen. Erreichen wollen wir eine Senkung der derzeit bestehenden, nicht vollständig abschätzbaren Quote mangelbehafteter Pferde, um automatisch die Effektivität der Ausbildungsanstrengung und Vermarktung steigern zu können.

Der anfangs beschriebene Bedeckungsabschwung in Verbindung mit der Herausnahme von Stuten aus der Zucht war nicht konsequent selektiv, d.h. nicht ausschließlich geprägt durch die Berücksichtigung von Kriterien wie der Leistung, Rittigkeit und Gesundheit. Es gilt daher jetzt Überlegungen anzustellen, inaktive teils ältere Stuten mit positiven Anlagen wieder zurück in die Zucht zu nehmen. Auch das Kriterium der Zuchtnutzung von Stuten aus bewährten Stutenfamilien muss unter diesem Aspekt mehr Berücksichtigung beim Züchter finden. Der Hengstbestand ist entsprechend breit aufgestellt, so dass es hier bezogen auf den Zuchtfortschritt keine negative Konkurrenz zu den jüngeren Zuchtstuten geben dürfte. Die Nachkommenleistung (bezogen auf vorgenannte Kriterien) solcher älteren Stuten ist das wohl wichtigste Kriterium für die Entscheidung zur Reaktivierung in die Zucht.

Gesamte Züchterstruktur im Fokus

In der wechselseitigen Beziehung zwischen Züchter und Zuchtverband gibt es aufgrund der heterogenen Zücherbasis große Unterschiede, oftmals aber auch begründet durch Vorurteile. Sogenannte „große Züchter“ sind so aufgestellt, dass sie über eigene Ausbildungsmöglichkeiten verfügen und zugleich externe und eigene Vermarktungsangebote nutzen und bedienen können. Andererseits zeugen die Erfolgslisten westfälischer Pferde in hohem Maße von der züchterischen Leistung der sogenannten „kleinen Züchter“. Diese haben in der Vergangenheit vorwiegend und vorzugsweise ihre Fohlen mit dem Absetzen vermarktet. Dieser Absatzweg konnte in der jüngsten Vergangenheit eher weniger umgesetzt werden, so dass die Jungpferde selbst aufgezogen werden müssen. Wir raten für diese Fälle, die jungen Pferde vor der Ausbildung einer tierärztlichen Kaufuntersuchung (Jungpferde-TÜV) zu unterziehen. Von größter Wichtigkeit ist dies für diejenigen Züchter, die heute die Ausbildung nicht mehr selbst in die Hand nehmen können. Denn die tierärztliche Untersuchung bildet meist die Grundlage für eine Kosten-Nutzen-Rechnung bezüglich der Vermarktungschancen und bleibt wichtig für alle Ausbildungsüberlegungen.

Für die Bewertungs- und Vermarktungsstrategien des Westfälischen Pferdestammbuchs wird die Arbeit des „kleinen Züchters“ als absolut wichtig erkannt und soll künftig deutlich mehr in den Vordergrund gestellt werden.

Zur Bewältigung der zukünftigen Aufgaben ist und bleibt das Westfälische Pferdestammbuch auf die Arbeit und die Zusammenarbeit aller Züchter angewiesen. Unbedingt verstärkt werden muss daher auch die Zusammenarbeit der Kreisorganisationen in die Richtungen Zuchtverband und Züchter. Dazu dürften die jährlichen Versammlungen und Stutenschautermine nicht ausreichend sein, so dass eine Diskussion zwischen Züchtern und Verantwortlichen über mögliche Initiativen innerhalb der Kreise ansteht. Dem Westfälischen Pferdestammbuch steht mit seinen Mitgliedern eine interessante Zukunft bevor – sehen wir es gemeinsam positiv und trauen uns an die neuen Maßnahmen und Herausforderungen heran.